
Selbst-Erkenntnis, Gott-Erkenntnis und der Mensch.
Der Mensch neigt zu dem Gedanken, dass das Göttliche, sollte es denn existieren, sich nur außerhalb von ihm befinden könne. Irgendwo weit fernab - im Himmel oder in einer unbekannten Galaxie. Dem gegenüber steht der mystisch-philosophische Glaube, dass Selbst-Erkenntnis zu Gott-Erkenntnis und Gott-Erkenntnis zu Selbst-Erkenntnis führe.
Selbst-Erkentnis führt zu Gott-Erkenntnis und umgekehrt.
Folgt man einmal letzterem Ansatz, und denkt ihn in seiner ganzen Konsequenz zu Ende, kommt man zu dem Schluss, dass die höchste Wahrheit oder Gott nicht von dieser physischen Welt der Formen getrennt sein kann. Gott müsste sich, dieser Logik zufolge, nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb des offenbarten Universums befinden. Das weite All wäre, in diesem Kontext, daher weniger Gottes Schöpfung, als mehr Seine eigene Verkörperung.
Sri Chinmoy und Selbst-Erkenntnis.
Der spirituelle Lehrer und Yogi Sri Chinmoy hat dafür den Begriff des Einsseins geprägt. Der Mensch und Gott sind eins, mit dem alleinigen Unterschied des Grades der Bewusstheit. Das bedeutet, dass sich Gott dieser Tatsache bewusst ist, der Mensch jedoch noch nicht.
Selbst-Erkenntnis und das Gleichnis des Spinnennetzes.
In den alten indischen Schriften gibt es ein schönes Gleichnis für die untrennbare Verbindung von Mensch und Gott. Man stellte sich das Universum hier als ein Spinnennetz vor, dass in der Mitte von der Spinne selbst, ihrem Schöpfer, bewohnt wird. Da es die Spinne selbst erschaffen hat, ist und bleibt das Netz untrennbar mit ihr verbunden. Es ist sowohl ein Teil von ihr, wie auch ihre Heimat. Dies ist das Bild, welches die indische Mythologie für die Schöpfung verwendet.
Selbst-Erkenntnis und der große Zeitenzyklus.
Danach geht sie sogar noch einen Schritt darüber hinaus. Am Ende jedes großen Zeitenzyklus, heißt es hier, wird Gott die gesamten Fäden des Universums wieder in sich selbst aufnehmen, um, nach einer gewissen Zeit, wieder von vorne mit diesem Spiel zu beginnen. Etwas Ähnliches findet man auch bei den christlichen Mystikern, die sprachen: “Wir kommen von Ihm, wir ruhen in Ihm, und zu Ihm werden wir zurück kehren.”
Selbst-Erkenntnis: “Erkenne dich selbst”.
“Gnothi seauton” - “Erkenne dich selbst”, forderte und verlangte der griechische Philosoph Sokrates. Werde dir deiner ewigen, untrennbaren Verbindung mit dem Göttlichen bewusst, könnte man auch ergänzend hinzu fügen. Doch wie? Indem der Mensch, da er ja selbst ein Teil des Spinnennetzes Gottes ist, tief in sich selbst vordringt und dort dieses ewige Geheimnis entdeckt. Innerhalb und nicht außerhalb seiner eigenen Existenz.
Hilfen zur Selbst-Erkentnis.
Genau aus diesem Grund haben sich über die Jahrtausende hinweg viele verschiedene Systeme entwickelt, die bei dieser Suche behilflich sein sollen. Oft wird dies Meditation genannt, was nichts anderes wie “die eigene innere Mitte” bedeutet. Daher schreibt auch der berühmte Poet Browning in seinem Gedicht “Paracelsus”:
“Die Wahrheit ist in uns, sie erhebt sich nicht von außen, was immer du auch glauben magst.
Es gibt einen tiefen Kern in uns allen - dort wo die Wahrheit in ihrer ganzen Fülle sich befindet.”
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