
Freiheit.
Der Stockholmer Hauptbahnhof liegt bereits weit, weit zurück. Es ist dämmrig geworden. Schweigend gleitet der Zug durch die Nacht. Es scheint, als sei die hereinbrechende Dunkelheit ein Vorbote der großen Einsamkeit, in die der lange Schienenstrang führt. Selbst die Gedanken verbieten sich ihre eigene Existenz, fast so, als wollten auch sie der Tiefe und Leere der mächtigen Landschaft ihre Reverenz erweisen. Niemand weiß genau wohin die Fahrt gehen wird und welche Eindrücke und Abenteuer sie wohl bereit hält. Das einzige, was den Raum erfüllt, ist ein lebendiges und intensives Gefühl der freudigen Erwartung, welches vom gleichmäßigen Dahingleiten der Wagenräder noch verstärkt wird. Der Blick erkennt längst nur noch sein eigenes Spiegelbild, wenn er andächtig versucht die geheimnisvolle und unbekannte Umgebung jenseits des Abteilfensters zu erkunden. Zu schwarz und lichtentfremdet ist sie bereits geworden. Das menschliche Auge ist zu schwach, ihren nächtlichen Schleier zu durchdringen. Schließlich wird alles vom mächtigsten Arm des Schlafes, der Müdigkeit übermannt.
Morgengrauen.
Ein früher Sonnenstrahl erweckt die Sinne zu neuem Leben. Noch immer rattert der Zug in seinem gleichmäßigen Rhythmus dahin. Ein vorsichtiger Blick aus dem Fenster - tatsächlich, draußen liegt Schnee! Kleine, weiße Flöckchen tanzen zum aufgehenden Lied des ersten Tageslichtes. Eine Landschaft entfaltet sich in der Ferne, die direkt einem märchenhaften Bilderbuch zu entspringen scheint. Plötzlich wird die Geschwindigkeit des Zuges langsamer, bis er schließlich völlig zum Stillstand kommt. Ein kleiner Haltepunkt, ein Bahnhof im weiten Niemandsland. Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass die Reise hier wohl an ihrem Mittelpunkt angelangt sein muss, sollte der Name, auf einem winzigen Ortsschild stehend, in der Distanz richtig erkannt worden sein. Der Polarkreis naht!
Lappland.
Lappland ist erreicht, diese mysteriöse Gegend, die sich aus Teilen der Länder Schweden, Norwegen, Finnland und Russland zusammen setzt. Soll hier nicht auch der Heilige Nikolaus zu Hause sein? Die wenigen Menschen am Wegesrand, des jetzt recht langsam fahrenden Zuges, tragen die landestypischen Gewänder, die schön und bunt anzuschauen sind. Sogar ein paar Rentiere, sind in einiger Entfernung zu erkennen. Jedoch wird die Umgebung von einem tiefen Schweigen beherrscht, welches nur sehr spärlich seine wohl behüteten Geheimnisse preisgeben will. Sogar jeder Baum und jeder Strauch, scheint ein Teil dieses stummen Mysteriums zu sein. Auf einmal, in der tief verlorenen Einsamkeit, erblickt das beruhigte Auge etwas Unerwartetes - die Randbezirke einer größeren Ansiedlung. Diese Ansiedlung entpuppt sich mit der Zeit als Kiruna, eine Stadt berühmt wegen ihres Eisenerzes und gleichzeitig der nördlichste Außenposten Schwedens.
Kiruna - Narvik.
Die aufkommende Lebendigkeit nach der langen Stille scheint fast unwirklich zu sein. Der Bahnhof und die Stadt haben die Aura von etwas weit jenseits allem Bekannten. Doch so schnell alles gekommen ist, ist es auch schon wieder vorbei. Bald wird das Antlitz der fremdartigen Stadt von der weiten Einsamkeit ihrer Umgebung verschluckt. So, als sei alles nie gewesen, vielleicht nur das Angesicht eines längst vergessenen Traumes. Die Grenze zu Norwegen wird passiert. Bedächtig schnauft der Zug eine tief verschneite Berglandschaft hinauf, bis er schließlich ihren Kamm erreicht hat und vergnügt und federleicht wieder ins Tal rollt. Die Szenerie hat sich nun mit einem Schlag grundlegend verändert. Die Landschaft breitet sich in tiefen, fjorddurchpflügten Tälern vor dem erstaunten Auge aus. Und tatsächlich - ganz weit unten, vielleicht 1000 Meter oder mehr, sind springende Lachse zu sehen, die in hohem Bogen majestätisch aus dem Wasser schnellen.
Narvik: Der Wohnsitz der Götter.
Langsam schlängelt sich der Zug den Berg hinab. Es ist bereits früher Abend geworden. Doch die Sonne will hier, oberhalb des Polarkreises, in diesem Zeitjahresabschnitt nicht mehr völlig untergehen. Das Ziel der Reise naht. Längst schon ist der Atem zu einem Teil dieser weiten und wunderschönen Landschaft geworden, wie sie weich und anmutig unter der tief stehenden, schimmernden Sonne glänzt. Das Leben selbst muss wohl hier seinen Ursprung haben. Narvik, der nördlichste eisfreie Hafen breitet seinen abendlichen Mantel um die glasklare und friedlich schlafende See aus. Auch die Gedanken werden von diesem Mantel umschlungen und haben sich bei dessen Anblick zur Ruhe begeben. Das Ziel ist erreicht, Narvik, der Sitz der Götter des Nordens. Der Ort, wo die Sonne nicht mehr unter geht.
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