
Die deutsche Dichtung als Verkörperung der Wahrheit.
“Im höchsten Sinn ist Dichtung die Verkörperung der letztendlichen Wahrheit“, sagt der Poet und spirituelle Lehrer Sri Chinmoy. Daher kann ein Gedicht niemals alt werden, sowie auch die tiefste Wahrheit niemals alt und abgenutzt werden kann. Das einzige was sich ändert ist die äußere Form, die sich je nach Zeitepoche anders darzustellen vermag. Die deutsche Dichtung hat deshalb allerlei Wandlungen erfahren. Beginnend im frühen Mittelalter, wurde sie später von Poeten wie Goethe und Schiller geprägt und hat bis heute nichts von ihrer Bedeutung und Faszination verloren, sowie von ihrem einzigartigen Zugang zu den höchsten Wahrheiten des Kosmos.
Die deutsche Dichtung und ihre Suche nach Wahrheit.
“Das erfuhr ich unter Menschen – als Wunder größtes, dass Erde nicht war – noch Himmel drüber,
Noch irgendein Baum – noch Berg nicht war,
Noch irgendein Stein – noch Sonne schien,
Noch Mond nicht leuchtete – noch das gewaltige Meer,
Als da nirgends nichts war – an Enden und Wenden, da war doch der eine, allmächtige Gott.”
Dieses Gedicht, welches als “Wessobrunner Gebet” bekannt und berühmt wurde, lässt den Leser unverzüglich die Kraft und Würde eines wahrhaft lyrischen Werkes erspüren. Auf seine eigene Art und Weise bringt es das Irdische hinter das Ewige, das Vergängliche hinter das Unsterbliche und dringt somit zum höchsten Sinn der Dichtung, der Abbildung der Wahrheit vor.
Die deutsche Dichtung im Zeitenlauf.
So vergeht die Zeit, vergehen die Jahrhunderte. Die deutsche Dichtung ist dem stetigen Wandel unterworfen und bleibt doch, wie kaum eine Poesie in anderer Sprache, seinem wahren Sinn treu: Der Suche nach dem Unvergänglichen und der Abbildung des Ewigen. Dies lässt sich schon alleine an der Tatsache erkennen, dass etwa dreiviertel aller deutschen Gedichte einen spirituell-religiösen Bezug haben. Gleichzeitig erkannten die Dichter auch, dass das Unvergängliche nur im jetzigen Moment gefunden werden kann, wie es Andreas Gryphius im 17. Jahrhundert bedeutungsvoll formuliert hat:
“Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen;
Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen;
Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht,
So ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.”
Die deutsche Dichtung und Johann Wolfgang von Goethe.
Sowohl im Menschlichen wie auch im Ewigen und Göttlichen fand Johann Wolfgang von Goethe seine Heimstätte. Und doch bleibt immer das Gefühl zurück, dass auch dieses Menschliche sich bereits langsam verwandelt und seiner wahren göttlichen Natur entgegenstrebt. Sehr schön ist dies im “Faust” zu sehen. Obwohl den irdischen Begrenzungen unterworfen, schreitet Dr. Faustus teils bewusst, teils unbewusst, teils der Versuchung, teils der inneren Stimme gehorchend, seinem ersehnten Ziel, der letztendlichen Erkenntnis entgegen. Dem, “was die Welt im Innersten zusammen hält.” Vielleicht hat hier tatsächlich die deutsche Dichtung ihren Zenit erreicht, auch wenn noch viele bedeutende Poeten Goethe folgen sollen. Aber sicherlich können sie alle mit ihm ausrufen, die deutsche Dichtung als Feld der Wahrheitssuche betreffend:
“Hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein.”
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