Der vergessene Avatar: Sri Chaitanya

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Sri Chaitanya erscheint am Horizont.

Es war zu der Zeit, als Spiritualität in Indien ihren Tiefpunkt erreicht hatte und eine Mischung aus Aberglaube und Unwissenheit das Land regierte, als ein großer spiritueller Meister am Horizont wie ein gewaltiges Licht erschien: Sri Chaitanya. Gauranga, wie er auch genannt wurde, war dazu auserkoren dem spirituell daniederliegenden Land neue Hoffnung und Zuversicht zu geben, sowie die höchste göttliche Liebe herab zu bringen. Im gleichen Zeitraum wandelte auch der berühmte Philosoph Shankara auf Erden. Sein Werk des Advaita wurde jedoch mehr im intellektuellen und akademischen, als im spirituellen Sinne betrachtet. Wonach die Menschen aber verlangten, war eine konkrete Erfahrung des Göttlichen. So scharten sich bald viele Schüler um Sri Chaitanya, um seinen Worten und höchsten Weisheiten zu lauschen. Da er ein Bhakti-Yogi war, das heißt jemand der sich dem Göttlichen mit liebender Hingabe widmete, waren die Straßen bald mit tanzenden Menschen gefüllt, die auf diese Weise ihren mystischen Gefühlen freien Lauf lassen konnten.

Sri Chaitanyas berühmtes Beispiel des Nicht-Verhaftetsein.

In einem seiner zahlreichen Bücher erzählt der Autor, Meditationslehrer und Yogi Sri Chinmoy eine berühmte Geschichte aus dem Leben Sri Chaitanyas. Diese Geschichte illustriert anschaulich, was Ungebundenheit oder Nicht-Verhaftetsein an die äußere Welt bedeuten kann: Eines Tages war Sri Chaitanya mit einem guten Freund auf dem Fluss unterwegs. Ihr kleines Boot schwankte durch den sanften Wellengang leicht hin und her, als Sri Chaitanya plötzlich die Inspiration überkam, seinem Freund aus seinem neuesten Buch vorzulesen. Hierzu muss man wissen, dass Sri Chaitanya nicht nur ein großer Yogi, sondern auch ein großer Intellektueller war. Sein Werk handelte von Logik und war von ihm auf eine Art und Weise geschrieben worden, die man nur als genial bezeichnen kann. Sein Freund war auch Buchautor, der über ein ähnliches Thema geschrieben hatte. Er sehnte sich, im Gegensatz zu Sri Chaitanya, jedoch nach Ruhm und Anerkennung, aber besaß unglücklicherweise nicht annähernd die schriftstellerischen und intellektuellen Fähigkeiten Sri Chaitanyas. Als er dessen Worte hörte, verharrte er daher in Fassungslosigkeit. Sri Chaitanya bemerkte bald, dass sein Freund befürchtete nun im Schatten von ihm selbst zu stehen und warf daher sein geniales Werk kurzerhand in den Fluss, mit den berühmt gewordenen Worten: “Freundschaft kommt zuerst.”

Sri Krishna, Radha und Sri Chaitanya.

Sri Chaitainya verkörperte die vollkommene Liebe zum Göttlichen. Dabei war er abwechselnd Liebender wie Geliebter selbst. Durch die Form des berühmten spirituellen Meisters Sri Krishna, manifestierte Sri Chaitanya den ewigen Geliebten und durch die Form von Radha, Sri Krishnas größten Verehrerin, offenbarte er den ewig Liebenden. Dazu Sri Aurobindo, der Begründer des modernen integralen Yogas: “Radha ist die Verkörperung der absoluten Liebe für das Göttliche, vollkommen und integral in allen Teilen des Wesens, vom höchsten Spirituellen bis zum Physischen. Dabei bringt sie die absolute Selbsthingabe und vollkommene Weihung des ganzen Wesens herab und begründet im Körper, sowie in der gröbsten physischen Natur das allübersteigende Ananda (oder Glückseligkeit).”

Weisheit und Hingabe in einer Person

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Sri Chaitanyas Leben ist der Beweis, dass mentales Wissen und Hingabe sich nicht unbedingt gegenseitig ausschließen müssen, sondern sogar voneinander profitieren können. Sein Dasein war ein Symbol der Einheit von Körper und Geist, der Verschmelzung von Liebendem und Geliebten, von Mensch und Gott. Obwohl in höchstem Maße intellektuell, stand dieser Umstand Sri Chaitanyas Zugang zum Höchsten nicht im Weg, sondern eröffnete einen neuen, bisher unbekannten Weg dahin. Sein Leben und Wirken wird deshalb für immer einen festen Platz im Bewusstsein aller nach dem Göttlichen Strebenden einnehmen.

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