
Poetische Vereinigung von Indien und China.
Begleitet man Indien und China, Tiger und Drache, auf einer Reise zurück in ihre geheimnisvolle Vergangenheit, tritt Erstaunliches zu Tage. Die Reise wird zu einem Ausflug in ein mystisch-poetisches Gestern der Literatur, welches Zeugnis ablegt vom Ursprung des menschlichen Strebens nach einer jenseitigen Welt. Darüber hinaus wird ersichtlich, dass Völker, so unterschiedlich sie äußerlich auch erscheinen mögen, eine tiefe innere Verbindung besitzen. Etwas, was weit über alles Oberflächliche hinaus geht.
Die indischen Veden.
Äonen lang schliefen die ältesten indischen Schriften, die Veden, im Schatten der Verborgenheit. Eine Jahrtausende alte, fast vollkommen vergessene Kultur der dichterischen Sprache und Mystik, die in ihrer verschlüsselten Symbolhaftigkeit nur von wenigen Eingeweihten verstanden wurde. Zudem waren ihre Texte in Sanskrit verfasst, einer uralten, komplexen indischen Sprache, die heutzutage, ähnlich dem Latein, nicht mehr gesprochen wird. Bis schließlich eines Tages der bedeutende deutsche Indologe Max Müller sich dieser Schriften annahm und sie ins Englische übersetzte. Was er dabei entdeckte war überwältigend und faszinierend zugleich: Eine bis dahin fast völlig unbekannte Welt frühester menschlicher Dichtkunst erblickte das Licht der Neuzeit.
Sri Chinmoy und die indischen Veden.
In seinem Buch “Veden, Upanishaden und Bhagavadgita”, bezeichnet der Meditationslehrer Sri Chinmoy diese Schriften als früheste Werke poetischer und prosaischer Literatur, der suchenden, strebenden und sehnsüchtigen menschlichen Seele. Denn es finden sich darin unschätzbare Perlen ursprünglicher Mystik wie zum Beispiel: ” Führe mich vom Unwirklichen zum Wirklichen; Führe mich von der Dunkelheit zum Licht; Führe mich vom Tod zur Unsterblichkeit.” In solchen und ähnlichen, atemberaubenden Worten, brachte der Mensch des vedischen Zeitalters sein brennendes Verlangen nach höheren Werten zum Ausdruck. Nach Dingen, welche göttlichen Ursprung haben.
Poesie im alten China.
Interessanterweise finden sich ähnliche Aufzeichnungen von frühestem, menschlichem Streben, auch in den Schriften des alten Chinas wieder. Den so genannten Chucis. Bei ihrem Studium überrascht vor allem die tiefe Verwurzelung des alten Chinas in der mystischen Dichtkunst. In alten Zeiten war es nämlich Pflicht, diese Kunstform zu meistern, bevor ein höheres Amt bekleidet werden durfte. Dadurch wurde sicher gestellt, dass nur Eingeweihte, die über ein tiefes, inneres Wissen verfügten, in der staatlichen Hierarchie aufsteigen konnten. Ähnlich dem alten Indien, wo Weisen und Yogis größte Wertschätzung zuteil wurde, weil nur sie die richtigen Entscheidungen treffen konnten. Entscheidungen, die im Einklang mit dem Kosmos und der Natur standen.
Die mystische Vereinigung Chinas und Indiens.
Blickt man wachen Auges auf die noch heute bestehenden, sich jährlich wiederholenden Festivitäten Indiens und Chinas, sind erstaunliche Gemeinsamkeiten zu erkennen. In beiden Kulturkreisen werden hier bis heute Personen geehrt, die einen bleibenden poetisch-mystischen Einfluss auf das jeweilige Land oder die Region ausgeübt haben. Eine dieser Persönlichkeiten ist zum Beispiel Qu Yuan, ein bedeutender chinesischer Dichter spiritueller Poesie. Einmal jährlich wird in Südchina ihm zu Ehren das Drachenbootfest gefeiert. Eine Prozession mit roten Laternen und drachenartigen Kostümierungen. Wer kennt, in diesem Zusammenhang, nicht die farbenprächtigen, indischen Umzüge, zur Erinnerung großer, spiritueller Vorfahren?
Tiger und Drache.
Der Drache ist ähnlich dem indischen Tiger das Symbol der Kraft. Einer Kraft, die die Fesseln des Irdischen gesprengt hat und sich auf das Jenseitige ausrichtet. In diesem Kontext kann gesagt werden. dass sich zwei Völker wieder gefunden haben, die eigentlich nie wirklich getrennt waren. Denn sie sind auf ewig vereint in ihrer Liebe zur Poesie. Der Kreis der literarischen Vergangenheit schließt sich hier – und kann von neuem beginnen.
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